Hochwassereinsatz im Kreis Lüchow-Dannenberg
(07.04.2006) - Drei Tage lang waren 17 Mitglieder der Ortsfeuerwehr Verden als Teil der Kreisfeuerwehrbereitschaft (KFB) des Landkreises Verden im Katastrophengebiet im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Dort halfen sie, die vom Hochwasser gefährdeten Deiche des Flusses Jeetzel zu schützen.
Obwohl bereits aus den Medien bekannt war, dass die Elbe in den neuen Bundesländern nach Schneeschmelze und Regenfällen Hochwasser führte, kam der Einsatz für die Kreisfeuerwehrbereitschaft Verden sehr überraschend. Unerwartet stark stieg der Pegel an der Elbe und seinen Nebenflüssen in Niedersachsen - und vor allem: unerwartet schnell. Am Freitagmittag (07.04.2006) rief der Landkreis Lüchow-Dannenberg um 12 Uhr den Katastrophenfall aus. Um 18.20 Uhr alarmierte die Rettungs- und Feuerwehrleitstelle einen Teil der Ortsfeuerwehr Verden, die an der Feuerwehrtechnischen Zentrale (FTZ) bei der Vorbereitung des Einsatzes unterstützen musste - zum Beispiel beim Beladen von Fahrzeugen.
Nur wenige Stunden blieben den Kräften für die übrige Vorbereitung. Allerdings war den Kameraden nicht neu, wie sie sich vorzubereiten hatten - erst vier Jahre zuvor hatte die KFB Verden beim Elbe-Hochwasser in Amt Neuhaus (Kreis Lüneburg) geholfen.
Bereits um 3 Uhr in der Nacht zu Samstag sammelte sich die Kreisfeuerwehrbereitschaft an der FTZ. Nach einer Einsatzbesprechung der Zugführer setzte sich der Konvoi, bestehend aus 29 Fahrzeugen und 153 Feuerwehrleuten, in Bewegung. Rund drei Stunden dauerte die Fahrt unter anderem über die A 27 und die A 7 bis zum genannten Sammelpunkt in Lüchow. Hier trafen die Kreisverdener erstmals auf weitere Kreisfeuerwehrbereitschaften aus benachbarten Kreisen.
Es dauerte rund zwei Stunden, ehe der Einsatzbefehl für die KFB Verden gegeben wurde. Der Verband rollte in eine Kiesgrube bei Tramm, unweit von Dannenberg. Hier sollten Sandsäcke gefüllt werden. Nachdem hier bislang nur wenige Helfer am Werk eingesetzt werden konnten, war die unterstützende Manpower gerne gesehen. Den ganzen Tag über füllten die Einsatzkräfte Sandsäcke, die transportgerecht auf Paletten gestapelt wurden. Lkw und Trecker-Gespanne transportierten die Säcke zu den Verteilerstellen. Im Laufe des Tages erhielten die Kreisverdener Unterstützung durch weitere Feuerwehrkräfte, die Bundeswehr und freiwillige Helfer.
Am Abend sollte den Helfern eigentlich eine Ruhepause gegönnt werden. Doch nachdem die Fahrzeuge betankt worden waren, ging ein neuer Einsatzbefehl ein. Zwei der fünf Züge der KFB sollten akute Sickerstellen an einem Deich der Jeetzel sichern. Die übrigen Helfer konnten ihre Unterkunft, eine Polizeikaserne in Dannenberg, beziehen. Über diese Form der Unterkunft, die beinahe komfortabel genannt werden darf, waren die Helfer äußerst glücklich. Beim Elbe-Hochwasser 2002 gab es keine derartigen Unterbringungs-, bzw. zeitweilig auch nur eingeschränkte Duschmöglichkeiten. Gegen Mitternacht konnten auch die Mitglieder der beiden verbliebenen Züge in ihre Schlafsäcke kriechen.
Am Sonntag (09.04.2006) galt es zunächst einige Sickerstellen an einem Deichabschnitt der Jeetzel, die direkt durch Dannenberg fließt, zu sichern. Eine weitere akute Gefahrenstelle wartete nur wenige Hundert Meter weiter - hier waren ebenfalls durchweichte Deichbereiche zu verstärken. Während der Pegel stagnierte, bereitete vor allem der hohe Druck auf die stark durchweichten Schutzwälle Sorgen. Immer wieder stellten die Deichläufer kleine Sickerstellen fest.
Kleine Sonderaufgaben prägten diesen Sonntag. So mussten zum Beispiel die Schwellen einer Eisenbahnbrücke für Lastwagen und Trecker befahrbar gemacht werden - die Feuerwehrleute legten dafür Sandsäcke zwischen den Schienen aus. Bäume, Geländer und deren Einfassungen mussten mit Sägen, Trennschleifern und einer Seilwinde beseitigt werden. Nur so war ein reibungsloser Einsatz der Transportfahrzeuge möglich.
Auffällig waren am Sonntag die zahlreichen Katastrophentouristen, überwiegend Auswärtige, die mit Videokameras und reichlich schlauen Sprüchen im Gepäck etliche Einsatzkräfte verärgerten. Schlimm auch die Reaktion eines Autofahrers, der eine Führungskraft aufgrund eines einsatzbedingten Rückstaus beschimpfte. Die Mehrheit der Anwohner zeigte sich jedoch dankbar für die auswärtige Hilfe. So wurden den Kreisverdenern nicht nur hier und da Getränke gereicht, auch die Möglichkeit der Toilettennutzung in Privathaushalten war gegeben - sogar Strom für den Einsatzleitwagen boten Dannenberger an.
Dramatisch wurde die Lage am Nachmittag, als eine Mauer, die als unmittelbarer Deich dient, umzukippen drohte. Zahlreiche Helfer konzentrierten sich darauf, diesen Schaden zu verhindern. Wäre es zum Äußersten gekommen, das Wasser der Jeetzel hätte unweigerlich weite Teile der Stadt überflutet. Auch wenn die Kreisverdener hier nicht unmittelbar eingesetzt waren - sie spürten die Auswirkungen. Denn zeitweise kam kein Sandsacknachschub mehr, alle Säcke wurden zu der akuten Gefahrenstelle dirigiert.
Am Abend rückten die Helfer erneute in die - auch von zahlreichen anderen Einheiten genutzte - Polizeikaserne ein.
Am Montag (10.04.2006) ging es abermals an die Jeetzel, diesmal an den Deich in der Nähe von Schaafhausen. Problem: Die Wiesen in Deichnähe waren völlig aufgeweicht, stellenweise schon mehrere Zentimeter unter Wasser. Die schweren Einsatzfahrzeuge konnten nicht an den Deich heranfahren. Sie mussten auf dem Gelände eines Bauernhofes abgestellt werden. Mit den kleineren Fahrzeugen (etwa von der Größe eines VW-Busses) ging es zur Schadenstelle. Hubschrauber der Bundespolizei transportierten Netze mit Sandsäcken (so genannte "Bigpacks") zum Deich. Gleich zu Beginn des Einsatzes fällten die Helfer einen Baum und demontierten einen Weidezaun, um den gefahrlosen Einsatz der Hubschrauber zu ermöglichen, sowie ausreichend Platz zum Arbeiten zu haben. Immer mehr Sickerstellen wurden im Tagesverlauf festgestellt. Bei der Ortung dieser Stellen half die Bundeswehr mit Spähpanzern und integrierten Thermo-Kameras. Dank hochsensibler und moderner Technik konnten die Soldaten aus mehreren Hundert Meter Entfernung die gefährdeten Stellen erkennen und melden. Feuerwehrleute sicherten diese Bereiche mit so genannten "Quellkaden" - halbkreisförmigen Sandsackkonstuktionen, welche die Leckstellen durch den Eigendruck des Wassers verschließen, bzw. einen Durchfluss verhindern.
Nicht nur die Hubschrauber, auch Boote von DLRG und THW transportierten die Sandsäcke, am Nachmittag kamen geländegängige Raupenfahrzeuge vom Typ Hägglund hinzu. Diese werden normalerweise im Wattenmeer eingesetzt, sie sind ideal für den matschigen Untergrund. Bis zu zwei Tonnen Sandsäcke konnten mit den kleinen Spezialfahrzeugen transportiert werden.
Zur Vereinfachung bauten Mitglieder der KFB Verden am Mittag "Sandsackrutschen" - eine enorme Arbeitserleichterung. Die gefüllten Sandsäcke konnten so auf der landseitigen Deichseite einfach hinabrutschen, was Manpower und Zeit ersparte.
Gegen 18 Uhr traf die Ablösung in Form der Kreisfeuerwehrbereitschaft der Freiwilligen Feuerwehr Braunschweig ein. Für die müden Helfer äußerst Willkommen. Gleichzeitig bedeutete die Übernahme der Einsatzstelle durch die Braunschweiger das Ende des Einsatzes der KFB Verden. Nach einem Abendessen trat der Konvoi die Heimreise nach Verden an. Gegen 23.15 Uhr rollten die Fahrzeuge auf den Hof der FTZ.
Die Fotos aus der Galerie entstanden im Rahmen der Arbeit der Schnelleinsatzgruppe Presse (SEG Presse), die erstmals bei einem Realeinsatz der KFB zum Zuge kam. Die Pressemitteilungen sowie allgemeine Infos über die SEG finden Sie unter www.seg-presse.de.
